Wenn Kalligrafie zu Kunst wird
Japans Schönheit in Tinte erzählt
Feine Abstufungen von Tinte können ganze Welten entstehen lassen, selbst auf scheinbar leerem Raum. In der ersten Ausstellung 2026 taucht das Presage Museum gemeinsam mit dem Kalligrafen und zeitgenössischen Künstler Goshow in diese besondere traditionelle Kunstform ein. Wir erleben, wie traditionelle Formen der Kalligrafie in mutige, moderne Kunst übergehen.
Uhren zeigen den Lauf der Zeit.
Kalligrafie hält besondere Momente fest. In diesem Zusammenspiel entsteht eine Verbindung, die die Essenz der Presage Classic Series einfängt: zeitlose japanische Schönheit.
Goshow:
Kalligraf und zeitgenössischer Künstler
Goshow:
Kalligraf und zeitgenössischer Künstler
Goshow hebt die Kalligrafie in den Bereich der modernen Kunst und zeigt, wie vielfältig ihr Ausdruck sein kann. Für ihn ist Kalligrafie keine Tradition, die man nur bewahrt, sondern eine Kunstform, die sich ständig weiterentwickelt. Durch das Setzen und Entfernen von Linien erschließt er neue Ausdrucksformen, die die Grenzen der klassischen Kalligrafie erweitern.
Für die erste Ausgabe des Jahres 2026 besuchen wir gemeinsam mit Navigator Chris McCombs, einem langjährigen Kenner der japanischen Kultur, Goshow in seinem Atelier. Als leitender Künstler dieser Ausgabe verbindet er seine eigene Perspektive mit einem globalen Blick. In diesem Dialog erkunden wir die Verbindung zwischen der Sensibilität der Kalligrafie und der feinen japanischen Ästhetik, die die Presage Classic Series verkörpert.
Kenner der japanischen Kultur
Chris McCombs
Wenn Kalligraphie zur Kunst wird
Chris:Goshow, ich war wirklich überrascht zu hören, dass Kalligrafie in Japan im klassischen akademischen Sinne nicht als bildende Kunst gilt. Das klingt fast unglaublich.
Goshow:Das hat mich selbst überrascht. Obwohl Kalligrafie tief in unserer Kultur verankert ist, wird sie an Institutionen wie der Tokyo University of the Arts nicht als eigenständiges Kunstfach angeboten. Traditionelle Disziplinen wie Kalligrafie, Ikebana oder die Teezeremonie waren früher zentrale Bestandteile unserer Kultur. Doch mit der Modernisierung Japans und der Übernahme westlicher Kunstbegriffe wurden sie aus der formalen Definition von Kunst herausgedrängt.
Chris:Das ist wirklich traurig. Und trotzdem haben Sie sich entschieden, genau diese Wahrnehmung zu verändern.
Goshow:Ja. Ich möchte nicht, dass Kalligrafie nur als Kulturerbe überlebt. Das würde bedeuten, sie zu konservieren, während ihre Bedeutung im Alltag immer weiter schwindet. Ich bin überzeugt, dass sie sich weiterentwickeln kann und unsere Zeit widerspiegeln sollte. Deshalb habe ich begonnen, mich nicht nur als Kalligraf, sondern als zeitgenössischer Künstler zu verstehen.
Chris:Dieser Schritt muss schwierig gewesen sein. Wie haben Sie Ihre eigene künstlerische Sprache gefunden?
Goshow:Viele Menschen denken, Kalligrafie bedeute einfach, Tinte auf Papier aufzutragen. Historisch gesehen wurden Schriftzeichen jedoch auch in Materialien wie Knochen oder Stein eingraviert. In diesem Sinne liegt der Ursprung der Schrift näher am Schnitzen als am Zeichnen. Das hat mich dazu gebracht, mit Techniken zu arbeiten, bei denen ich Material entferne, statt es aufzutragen. Durch das Abschaben der Oberfläche entsteht Form. Für mich wurde das zu einer Metapher für Präsenz und Abwesenheit, für Stimme und Stille.
Wie Zeit Kunst formt
Chris:Was ich an Ihrer Arbeit besonders bewundere, ist die Sorgfalt, mit der Sie an jedes Werk herangehen. Ich habe gelesen, dass Sie den Entstehungsprozess sogar mit dem Schreiben einer Dissertation vergleichen.
Goshow:[lacht] Das stimmt. Bevor ich überhaupt beginne, verbringe ich Monate damit zu lesen, zu recherchieren und das zu entwickeln, was ich meinen Entwurf nenne. Allein diese Phase kann bis zu zwei Jahre dauern.
Chris:Und das ist, bevor Sie überhaupt mit der eigentlichen Umsetzung starten?
Goshow:Genau. Ich habe sehr viel Zeit darauf verwendet, meine eigene Tinte zu entwickeln. Es hat drei Jahre gedauert, bis sie so war, wie ich sie brauche. Danach habe ich unzählige Papiersorten getestet. Die Auswahl des richtigen Papiers hat noch einmal ein bis zwei Jahre in Anspruch genommen. Die Materialien, die ich heute verwende, sind kein klassisches Washi. Sie sind wasserbeständig, sodass ich die Tinte bearbeiten kann, bevor sie trocknet. Ich kann sie verwischen, verdünnen oder später sogar abtragen.
Chris:Dieser Moment wo die Tinte auf die Oberfläche trifft, ist unglaublich flüchtig. Fast wie ein Augenblick, der sofort wieder vergeht.
Goshow:Ja. Zeit ist in gewisser Weise mein eigentliches Medium. Die Geschwindigkeit, mit der die Tinte trocknet, die Absorption des Materials, die Temperatur der Luft – all das beeinflusst das Ergebnis. Man kann ein Werk nicht wiederholen. Jedes ist einzigartig, weil die Zeit selbst darin festgehalten wird.
Die leise Seite japanischer Schönheit
Chris:Gibt es Momente, in denen Sie japanische Schönheit besonders deutlich wahrnehmen?
Goshow:Für mich zeigt sie sich in ruhigen Situationen. In einer klaren Linie, die in einem offenen Raum steht. In Gegenständen, die durch lange Nutzung Charakter bekommen haben. In einer Straße, die nach dem Regen still wirkt. Japanische Schönheit entsteht oft im Unaufdringlichen und in Dingen, die mit der Zeit gewachsen sind. Sie lebt von Zurückhaltung und Geschichte.
Chris:Das erinnert mich an die Presage Classic Series. Ihre Wirkung entsteht genau durch diese Subtilität. Nichts drängt sich auf, aber alles bleibt präsent.
Goshow:Das empfinde ich genauso. Die Uhr versucht nicht, Aufmerksamkeit zu erzwingen, und hinterlässt gerade deshalb einen starken Eindruck.
Chris:Die Presage Classic Series greift japanische Schönheit sehr fein auf. Sie orientiert sich an Seidenfäden und gewebten Textilien, und das zeigt sich in der Struktur des Zifferblatts.
Goshow:Ja, und sie bildet Seide nicht wörtlich nach. Stattdessen fängt sie das Gefühl ein, das Seide vermittelt: ihre Leichtigkeit, ihre Atmosphäre, ihre Geschichte. Das ist für mich ein sehr japanischer Ansatz. Es geht nicht um eine Kopie, sondern um das Wesentliche.
Chris:Um diese weiche Formsprache zu erreichen, sind die Zeiger und Indizes gebogen, sodass sie der Rundung des Zifferblatts folgen.
Goshow:Das erklärt, warum die Uhr so harmonisch wirkt. Alles folgt derselben Linie. Nichts konkurriert, sondern fügt sich zu einem Ganzen. Deshalb fühle ich mich dieser Uhr so nah. Sie entspricht genau dem, was ich in meiner eigenen Arbeit suche.
In der ersten Ausgabe des Presage Museum 2026 begegnen sich Kalligrafie und Uhrmacherkunst in einer gemeinsamen Haltung zu Zeit, Material und stiller Schönheit. In Goshows Atelier zeigt sich Tinte als ein Medium, das Bewegung, Atem und auch Leere festhält. Sein weiterentwickelter Zugang zur Kalligrafie spiegelt das Zusammenspiel von Tradition und Innovation wider, das Presage prägt. Die Gespräche eröffnen eine japanische Ästhetik, die Schönheit sowohl in der Reduktion als auch im langsamen Entstehen über Zeit erkennt.
Eine Reise durch die
japanische Schönheit
Kagawa
Die Suche nach der Essenz lebendiger japanischer Schönheit in der Natur und Kultur Kagawas.
Die natürliche Schönheit und
Kultur der Präfektur Kagawa
Die Präfektur Kagawa liegt entlang der ruhigen Küsten des Seto-Sea und verbindet Natur und Kultur auf eine zurückhaltende, aber eindrucksvolle Weise. Die Landschaft reicht von markanten Küstenformationen und stillen Inselblicken bis zu piniengesäumten Gärten und bewaldeten Schluchten. Über das Jahr hinweg verändert sich das Bild der Region, von Kirschblüten im Frühling bis zu leuchtenden Ahornblättern im Herbst. Kagawa ist jedoch mehr als eine schöne Kulisse. Die Region verkörpert zentrale ästhetische Werte Japans. Traditionen wie die Bonsai-Zucht oder das Brauen von Sojasoße werden seit Generationen gepflegt, während Orte wie Naoshima mit zeitgenössischer Kunst neue Impulse setzen. In Kagawa stehen menschliche Kreativität und natürliche Umgebung in einem ständigen Austausch. Aus diesem Zusammenspiel entsteht eine stille, präzise Art von Schönheit, die den Alltag der Region prägt.