Bambus
und die zeitlose Schönheit Japans
Bambus steht für vieles, was die japanische Ästhetik ausmacht: Er ist leicht und geschmeidig, zugleich erstaunlich robust und verändert mit den Jahreszeiten immer wieder seinen Ausdruck. Das Seiko Presage Museum widmet sich besonderen Begegnungen zwischen der Welt der Uhrmacherei und zeitgenössischer Kunst. In der dritten Ausgabe steht Tanabe Chikuunsai IV im Mittelpunkt. Der Bambuskünstler in vierter Generation verbindet traditionelles Handwerk mit einem zeitgenössischen Blick und zeigt, wie vielseitig und international die Kunst des Bambus sein kann.
Tanabe Chikuunsai IV,
Bambuskünstler und Gestalter
Tanabe Chikuunsai IV,
Bambuskünstler und Gestalter
Tanabe Chikuunsai IV führt die über vier Generationen gewachsene Tradition der Bambuskunst weiter und entwickelt sie zugleich neu. Mit seinen Installationen verwandelt er Räume und macht erlebbar, was in Bambus steckt. Seine international bekannten Arbeiten verbinden traditionelles Handwerk mit einer modernen künstlerischen Perspektive. Die organischen Formen seiner Werke schaffen dabei eine Verbindung zwischen Natur, Menschen und dem jeweiligen Ort.
Interviewer
Anton Wormann
An seiner Seite steht Anton Wormann, ein gebürtiger Schwede, der heute in Japan lebt und sich intensiv mit japanischem Handwerk, Design und der Restaurierung traditioneller Häuser beschäftigt. Gemeinsam sprechen sie über die besondere, stille Schönheit, die im Bambus und in seiner Verarbeitung liegt.
Interviewer
Anton Wormann
Handwerk schafft Formen,
Installationen schaffen Erinnerungen
Anton:Ihre Familie widmet sich seit mehreren Generationen der Bambuskunst. Wie hat diese Tradition begonnen?
Chikuunsai:Mein Urgroßvater, Tanabe Chikuunsai I, stammte aus einer Ärztefamilie, die im Dienst eines Feudalherrn in Hyogo stand. Als sich Japan beim Übergang von der Edo-Zeit (1603–1868) zur Meiji-Zeit (1868–1912) grundlegend veränderte, ermutigte sein Vater seine Kinder, ihren eigenen Interessen zu folgen. Mein Urgroßvater war fasziniert von der Bambuskunst und begann bereits mit zwölf Jahren eine Ausbildung bei dem Meister Waichisai Wada. Nach zehn Jahren Ausbildung übernahm er den Namen Chikuunsai und legte damit den Grundstein für unsere Familientradition in der Bambuskunst.
Anton:Warum haben Sie sich vom traditionellen Bambushandwerk hin zu großformatigen Installationen entwickelt?
Chikuunsai:Ich habe viele Jahre traditionelle Bambusarbeiten angefertigt und international ausgestellt. Mit der Zeit wurde mir jedoch bewusst, wie begrenzt die Vorstellung von japanischem Kunsthandwerk außerhalb Japans oft war. 2008 sah ich in London eine beeindruckende zeitgenössische Installation, die meine Sichtweise grundlegend veränderte. Ich begann darüber nachzudenken, dass Kunst nicht nur über das Auge wirken muss. Sie kann alle Sinne ansprechen und einen Raum unmittelbar erfahrbar machen.
Zurück in Osaka stellte ich mir die Frage: Was kann nur Bambus ausdrücken? Diese Frage wurde zum Ausgangspunkt meiner Installationen.
Anton:Ihre Installationen werden nach den Ausstellungen abgebaut und der Bambus anschließend wiederverwendet. Warum ist dieser Prozess für Sie so wichtig?
Chikuunsai:Schon während meines Bildhauereistudiums hat mich beschäftigt, wie viel Abfall bei der Herstellung von Kunst entsteht. Bambus ist ein natürliches Material, deshalb wollte ich einen Kreislauf schaffen, in dem möglichst wenig verloren geht. Nach jeder Ausstellung bauen wir die Installation sorgfältig ab und verwenden rund 95 Prozent der Bambusstreifen für neue Arbeiten. Man könnte sagen, dass der Bambus selbst um die Welt reist und dabei immer wieder eine neue Form annimmt.
Anton:Was unterscheidet ein Kunsthandwerk von einer Installation?
Chikuunsai:Kunsthandwerk bewahrt Techniken, Wissen und kulturelle Werte und gibt sie über Generationen weiter. Es ist darauf ausgelegt, zu bestehen. Eine Installation funktioniert anders. Wenn die Ausstellung endet, wird sie abgebaut und verschwindet als physisches Werk. Was bleibt, ist die Erinnerung, die sie bei den Menschen hinterlassen hat. Für mich bewahren Kunsthandwerke die Form, während Installationen Erinnerungen bewahren. Beides ist mir wichtig.
Die stille Kraft
japanischer Schönheit
Anton:Was bedeutet japanische Schönheit für Sie?
Chikuunsai:Ich glaube, dass japanische Schönheit weniger in Extravaganz oder spektakulären Formen liegt, sondern in der Zurückhaltung. In vielen westlichen Traditionen entsteht Schönheit oft durch das Hinzufügen von mehr Dekoration und Ausdruck. Die japanische Ästhetik geht häufig den umgekehrten Weg: Sie nimmt weg, was nicht notwendig ist, damit das Wesentliche sichtbar werden kann. Für mich bedeutet japanische Schönheit Zurückhaltung, Bescheidenheit und Respekt. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern fügt sich harmonisch in den Raum, die Materialien und die Umgebung ein. Das zeigt sich auch bei traditionellen Bambuskörben für Blumenarrangements. Erst mit den Blumen wird der Korb zu einem vollständigen Werk. Dabei soll er die Blüten nicht überstrahlen, sondern mit ihnen eine Einheit bilden.
Bambus selbst verkörpert vieles von dem, was japanische Schönheit ausmacht. Er wächst hoch und gerade, gibt sich im Wind aber geschmeidig. Er ist elegant und gleichzeitig erstaunlich robust. Mit den Jahreszeiten verändert er sein Aussehen. Auch in diesen Veränderungen und Übergängen liegt eine besondere Schönheit.
Anton:Was war Ihr erster Eindruck von der Presage Classic Series?
Chikuunsai:Ich habe mich sofort mit der Philosophie hinter den Uhren verbunden gefühlt. Sie wollen nicht im Mittelpunkt stehen, sondern ihren Träger ganz selbstverständlich durch den Alltag begleiten. Sie wirken elegant und zurückhaltend, haben aber trotzdem eine klare Präsenz. Diese Balance empfinde ich als sehr japanisch.
Auch im japanischen Kunsthandwerk entsteht Schönheit oft durch mehrere Schichten. Beim Färben von Bambus wird die Farbe immer wieder aufgetragen, bis eine besondere Tiefe und Intensität entsteht. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt das Zifferblatt der Presage. Auf den ersten Blick wirkt es schlicht, doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man feine Nuancen und subtile Abstufungen. Sie zeigen sich nach und nach, fast wie Wellen, die sich auf der Wasseroberfläche ausbreiten.
Anton:Sie arbeiten täglich mit Bambus. Was gefällt Ihnen an der Wakatake-Farbe?
Chikuunsai:Wakatake ist eine meiner Lieblingsfarben, weil sie jungen Bambus im Frühling repräsentiert: frisch, lebendig und voller Leben. Was mich an der Uhr beeindruckt hat, war, wie sich die Farbe je nach Licht und Blickwinkel verändert. Manchmal erscheint sie lebhaft und energiegeladen, dann in anderen Momenten sanft und zurückhaltend. Dieser sich wandelnde Ausdruck wirkt natürlich und lebendig.
Auch die weichen Linien des Designs haben mich sofort angesprochen. In der Bambuskunst können schon kleinste Unterschiede in der Form oder Verarbeitung den Charakter eines Werkes verändern. Erst das Zusammenspiel vieler sorgfältig ausgearbeiteter Details lässt Wärme und Eleganz entstehen. Genau diese Haltung erkenne ich auch in der Uhr.
Wie Bambus selbst verbindet das Design sanfte, fließende Formen mit einer natürlichen Stärke.
Für Tanabe Chikuunsai IV zeigt sich die besondere Schönheit des Bambus in Eigenschaften, die sich immer wieder neu entfalten: in der frischen Kraft junger Triebe, in feinen Farbnuancen, die sich je nach Lichteinfall verändern, und im Zusammenspiel von weichen Linien und klarer Form. Genau diese Qualitäten findet er auch in der Seiko Presage Classic Series wieder. Das Zifferblatt greift das frische Grün des jungen Bambus im Frühling auf und zeigt je nach Licht und Tageszeit immer wieder eine etwas andere Seite. Die fließenden Formen wirken weich und elegant, zugleich aber klar und kraftvoll. Wie bei einem von Hand gefertigten Bambuskunstwerk entdeckt man bei genauerem Hinsehen immer neue Details. Mit jedem Blick zeigt die Uhr eine weitere Facette ihres Designs.
Eine Reise durch
die Schönheit Japans
Osaka
Japanische Eleganz
zwischen Geschichte und Gegenwart
Sakai in der Präfektur Osaka war im 16. Jahrhundert ein bedeutender internationaler Handelshafen. Zugleich entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum von Kultur und Kunst. Einer ihrer berühmtesten Vertreter war Sen no Rikyu, der mit seiner Teezeremonie die japanische Ästhetik nachhaltig prägte. Noch heute lässt sich dieses kulturelle Erbe an zahlreichen historischen Orten entdecken.
Osaka verbindet diese Tradition mit einer lebendigen, modernen Stadt. Historische Orte wie die Burg Osaka und das traditionelle Bunraku-Puppentheater stehen neben zeitgenössischen Kulturstätten wie dem Nakanoshima Museum of Art. So treffen Vergangenheit und Gegenwart auf ganz natürliche Weise aufeinander.